Nach der erfolgten Liebeserklärung meiner verehrten Gastgeberin an ihre grandiose, geschichtsträchtige, historische, malerische, grüne, schmutzige, coole, funky, verrückte, bunte, internationale, phantastische Heimatstadt, musste ich unverhofft anfangen, über Wien nachzudenken. Lässt sich denn das oder Ähnliches von der Stadt von Walzer, Mannerschnitte, Fleischspezialität und Hofreitschule behaupten?
Ich bin ganz sicher nicht prädestiniert dazu, dieses Urteil aus eigener Erfahrung über Wien zu fällen, aber etwas Interessantes ist mir dabei schon aufgefallen. Während Berlin die Denker hinter Seeed ganz offensichtlich zu einem untypischen Liebeslied inspiriert hat, scheint die Donaustadt Künstler der Moderne zu ganz anderen Dingen anzuregen.
Die Liste jener, die ihrer Heimatstadt ein paar Noten gewidmet haben, ist lang und kurz, je nachdem, ab welchem Jahrhundert man ihre Beiträge gelten lässt. Sie wird auch schon kürzer, wenn man nach musikalischen Perlen sucht, dafür aber wieder länger, wenn man die unter Betäubungsmitteleinfluss entstandenen Kompositionen dazuzählt.
Und weil es mir schlicht unmöglich scheint, die musikalischen und lyrischen Eindrücke greifbar aufzubereiten, habe ich mich dazu entschieden, dich, verehrten Leser, meinen Pfad auf der Suche nach Wien Station für Station abschreiten zu lassen.
Verkehrsgewirr. Die Stadt rundherum.
Der Autor und seine Gedanken in der Tramway.
Autor. Wien… Gibt es so etwas wie eine Wiener Hymne? Vielleicht auch noch in der Popmusik?
Gedanken. Gibt es.
Autor. Ach?
Gedanken. (
summen eine Melodie.)
Autor. (überlegt. Dann:) Das kenne ich. Das läuft im Radio auf und ab, weil der Typ, der es komponiert hat, heuer fünfzig geworden wäre.
Gedanken. Frage beantwortet. Die Wiener Hymne.
Autor. Aber das ist doch keine Hymne. Hört euch doch nur den Text an!
Gedanken. (rekapitulieren laut Textpassagen.)
Und seine Leber ist hin
Seine Venen sind offen,
Und er riecht nach Formalin
Das alles macht eam kan Kummer,
Wei er ist in Wien.
Ganz Wien
Ist heut auf Heroin
Ganz Wien
Träumt mit Mozambin
Ganz Wien, ganz Wien
Greift auch zu Kokain
Autor. Genau das meine ich. Geht es in der ganzen Lyrik, die von Wien handelt nur um Rausch?
Gedanken. (
summen wieder.)
Autor. Ja, danke für den Hinweis, jetzt hab ichs begriffen, glaub ich... Aber was ist dagegen mit dem Wiener Charme und Hamur?
Gedanken. Du meinst das, was man wiener Kaffehauskellnern nachsagt?
Autor. Nein, ich spreche zum Beispiel vom Wienerlied.
Gedanken. Ja richtig. Musikalisch, zuvorkommend und charmant.
Autor. Spart euch euren Sarkasmus.
Gedanken. (intonieren frank.)
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Und er, der bleiche, alte Himmel von Wien,
von den Farben verlassen, vom Regenbogen geschieden,
er hat immer noch das Verhältnis mit seinen schmierigen Geigen.
Und blühen im Prater die Bäume, dann kann man's riechen,
wie Sie's treiben,
s’ ist zum Speiben!
Und sie, die alten, die bleichen Menschen dieser Stadt,
vor ihrem Hass und ihrer Dummheit haut der Tod sogar ab,
da stehen Altare in ihren Höhlen, von fetten Dackeln bewacht,
da werden die Enkerln geschlachtet
und dem Robert Stolz als Opfer dargebracht.
Oh, du lieber Augustin, alles ist hin.
Autor. Doch nicht das Wienerlied von Ludwig Hirsch... Dass der früher grausliche Texte geschrieben hat, weiß man ja.
Gedanken. Achso? Was denn?
Autor. Na ich weiß auch nicht. Muss doch schöne Lyrik über Wien geben.
Gedanken. Sicher. Es gibt den Blauboad.
Autor. Wen?
Gedanken. (deutlich.) Blaubart. Von H.C. Artmann.
Autor. War der nicht einmal Anwerber auf den Nobelpreis?
Gedanken. Kann schon sein.
Autor. Also gut, was hat der geschrieben?
Gedanken. (zitieren.)
I bin a Ringlgschbüübsizza
und hob scho sim Weiwa daschlong
und eanare Gebeina
untan Schlofzimabon fagrom..
Heit lod i ma r ei di ochte
zu einem Libesdraum -
daun schdöl i owa s Oaschestrion ei
und bek s me n Hakal zaum!
So fafoa r e med ole Maln
wäu ma d easchte en Gschdis hod gem -
das s mii amoe darwischn wean
doss wiad kar Mendsch darlem!
I bin a Ringlgschbüübsizza
(und schlof en da Nocht nua bein Liacht
wau i mi waun s so finzta is
fua de dodn Weiwa fiacht..)
Autor. Phantastisch. Frage zurückgezogen.
Gedanken. (lapidar.) Du wolltest es wissen…
Autor. Und das soll es also gewesen sein? Vielleicht halte ich es doch lieber mit den im südlichen Wiener Becken so oft ausgesprochenen Worten.
Wien ist anders.