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Freitag, 23. Februar 2007

Erster Tag des elften Monats

Saliénne steht vor dem mannshohen Spiegel in ihrem neuen Quartier und betrachtet sich aufmerksam. Auf ihrem Gesicht liegt ein merkwürdiger Ausdruck, sie wirkt verwirrt und ein bisschen angewidert. Sie hebt die Hand und fährt sich durch das Haar. In dem bisher pechschwarzen Haarschopf sind einige silbrig-graue Strähnen erschienen und Saliénne überlegt, ob es lohnt, etwas dagegen zu tun. Zuerst waren sie ihr gar nicht aufgefallen, erst als jemand sie darauf aufmerksam gemacht hat, hat sie sie bemerkt. Sie betrachtet ihr Gesicht und entdeckt um die Augen ein paar Falten, tief eingegraben, und wundert sich. Auch um den Mund ist ein seltsam anmutender Zug erschienen, streng, fast gemein und sie merkt, wie es sie Mühe kostet, die Mundwinkel zu einem Lächeln zu heben. Mit solchen Alterserscheinungen hatte sie erst in vielen Jahren gerechnet, sie ist definitiv zu jung dafür. Aber hatte ihr Lehrmeister damals sie nicht gewarnt?
„Nimm dich in acht, junges Fräulein, zuviel arkane Energien beschwört man nicht ohne den Preis dafür zu zahlen. Es zehrt an den Menschen und fordert seinen Tribut! Man muss vorsichtig sein!“
Nun, sie war nicht vorsichtig gewesen, hatte alle Furcht und Vorsicht über Bord geworfen, es war wie ein einziger Rausch gewesen, mehr, mehr und immer noch mehr und im Prinzip ging es ihr gut damit. Das Gefühl von Macht hatte wie eine Droge ihre Sinne benebelt und es war so herrlich gewesen, sich dem hinzugeben. Keine ethischen Grenzen, keine moralischen Gesetze, keine uralten Richtlinien der Magierzunft, die sie binden konnten. Bisher war sie der Meinung gewesen, noch nicht über die Grenze gegangen zu sein, aber wenn sie sich so betrachtete, dann war klar, dass sie sich selber belogen hatte.
Saliénne strafft die Schultern und seufzt kurz. Es hat keinen Sinn irgendwelchen Äußerlichkeiten hinterherzutrauern... es wird ohnehin bald vorbei sein.

Saliénne setzt sich auf das Bett und bleibt in ihren Gedanken gefangen. Wie lange ist es her, das sie sich nicht mehr mit anderen Wesen beschäftigt hat, sondern ausschließlich mit sich selber? Monate, auf jeden Fall... oder doch schon ein Jahr? Natürlich, es war notwendig gewesen, alle Brücken abzubrechen und sich jede Chance auf Rückkehr zu nehmen. Vor allem war es nötig gewesen, die anderen zu verletzten und den Abschied zu forcieren. Der Gedanke, dass jemand um sie weinen würde, wenn sie ihren Weg vollendet hätte, war ihr ein Gräuel gewesen. Das, was sie jetzt noch war, war nichts, um das es zu weinen lohnte. Selbstsüchtig und getrieben von Rache... keinen Gedanken an die Mitwesen verschwendend. Saliénne spürt, wie eine kleine Träne ihre Wange hinunterläuft und ärgert sich. Es dauert einen Moment, bis ihr klar wird, dass sie weint, weil ihr Leben so armselig geworden ist. So leer, so ohne all das, was andere Menschen wärmt und ihr Dasein bereichert. Mal wieder kommt ihr Perrendor in den Sinn und sie kann sich sein Entsetzen über eine solche Lebensweise lebhaft vorstellen. Sie weiß genau, was er dazu zu sagen hätte und doch würde er nicht wagen, einen anderen Lebensentwurf zu verurteilen. Weil er gütig ist und klug. Und weg.
Es war nötig, es musste sein. Sie ruft es sich zum wohl tausendsten Mal ins Gedächtnis zurück.
Aber je näher das Ende ist, umso weniger kann sie sich selber davon überzeugen.
Sie nimmt ihr Buch und schreibt:

Bald wird es zu Ende sein.
Vollbracht.
Erledigt.
Es wird das Ende sein...

Es wird nicht nur sein Ende sein. Wenn seine Seele vernichtet ist, dann wird es auch meines sein. Ist das nicht bittere Ironie? Vernichte den Zerstörer und geh selber dabei drauf. Ich fühle keinen Triumph, keine Erleichterung, keine Freude. Nicht mal mehr Hass kann ich fühlen, da ist einfach gar nichts mehr. Ich fühle nur Leere und Eiseskälte.

Was bin ich noch ohne meine Rache?
Ich beginne zu ahnen, dass ich ein Niemand bin. Eine leere Hülle, gefüllt mit unsagbarer Schuld, mit unaussprechlichem Leid, das ich gebracht habe. Ein Gefäß der Macht zwar, aber in bestimmten Momenten glaube ich (wieder?) zu wissen, das das nicht ausreichend ist. Taten, die ich nie wieder ungeschehen machen kann, noch sühnen könnte. Denn zur Sühne gehört Mitleid. Ich kann nicht mal für mich selber Mitleid empfinden. Dem nichtswürdigen Dasein wird ein Ende gemacht. Ich werde es beenden, sobald das andere vorbei ist.

Und siehe, ich scheitere auch bei meiner Rache. So, wie die Dinge liegen, werde ich niemals bekommen, was ich wollte. Ich habe versagt... und trotzdem muss ich den Preis zahlen.

Jetzt, wo es niemanden mehr gibt, der auf mich warte, niemanden, der mich vermissen würde, muss ich gehen. Ohne Sinn kann ich nicht weiterleben.

Ich bin leer.

Es wird enden...


Saliénne liest die geschriebenen Zeilen aufmerksam durch und lacht dann bitter auf. Pathetischer Unsinn! Weinerlicher Mist! Sie reißt die Seite heraus und verbrennt sie im Kamin. Dann wirft sie sich den Mantel über und verlässt ihr Quartier.

Sternchens Kulturaustausch

im-EimerSo, ich bin jetzt vier Monate alt, ich will auch mal mitmischen hier. Ich kenn zwar noch nicht so viele Lieder, weil meine Mami und mein Papi lausige Sänger sind, aber das was sie mir vorsingen, mag ich ziemlich gerne. Mein Papi mag offensichtlich jemanden, der "Ol' blue eyes" heißt und irgendwas mit nem Hai gesungen hat. Keine Ahnung, worum es geht, weil Papi immer den Text verhunzt, aber es ist trotzdem schön und ich werde immer ganz ruhig, wenn er mir das vorsingt. Meine Mami hört immer so einen alten Mann, der Gitarre dazu spielt und ganz tief brummt, noch tiefer als mein Opa. Mami singt nicht ganz so tief, dafür kann sie kaum den Ton halten. Trotzdem möchte ich immer gleich die Augen zumachen, wenn sie mir das traurige Lied von Mary und ihrem Baby vorsingt. Nein, das liegt nicht daran, das Mami so schlecht singt, sondern weil das Lied so ruhig ist und ich das jeden Abend vor dem Schlafengehen höre. Wollt ihr mal hören?

12-i-m-so-lonesome-i-could-cry (mp3, 3,579 KB)

Hach, da hat der Realplayer was durcheinander geworfen, eigentlich heißt das Lied nämlich "Mary of the wild moor" und der Herr Cash hat das nur gecovert. Sagt Mami. Der Herr Dylan hat das auch mal gesungen und Mami sagt, das es bestimmt eher ein Volkslied ist, eine Moritat, die sich schon ziemlich lange im Folklorebereich hält. Ist schrecklich traurig, aber zum einschlafen taugt es sehr gut. Gibt es was größeres, als gemütlich auf dem Arm zu kuscheln und sich ein Lied anzuhören, das einem jemand vorsingt? Ich finde, nein. Manchmal singen sie auch so Kinderkram, aber da steh ich nicht so drauf, da höre ich nicht mal richtig zu. Wenn ihr auch mal singen wollt, dann könnt ihr den Text hier nachlesen:

'Twas on one cold winter night
And the wind blew across the wild moor
As poor Mary came wandering home with her child
‘Till she came to her own father's door

Oh, father, dear father, she cried
Come down and open the door
Or the child in my arms will perish and die
From the winds that blow across the wild moor

But the father was deaf to her cry
Not a sound of her voice did he hear
Though the watch dogs did howl and the village bells tolled
And the winds blew across the wild moor

Oh, how the old man must have felt
When the came to the door the next mornin’
And he found Mary dead, but the child still alive
Closely clasped in it's dead mother's arms

(In anguish he tore his gray hair
And the tears down his cheeks they did pour
When he saw how that night she had perished and died
From the winds that blew across the wild moor)

In grief the old man passed away
And the child to it's mother went soon
And no one they say has lived there to this day
And the cottage to ruin has gone

But the villagers point out the spot
Where the willows grew over the door
Saying there mary died once a gay village bride
From the winds that blew across the wild moor


ausgehfertig
Mami sagt manchmal, das die beiden Lieder gar nicht für kleine Babys wie mich taugen... aber solange sie funktionieren, warum aufhören?
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... now stranded here!

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