Erster Tag des elften Monats
Saliénne steht vor dem mannshohen Spiegel in ihrem neuen Quartier und betrachtet sich aufmerksam. Auf ihrem Gesicht liegt ein merkwürdiger Ausdruck, sie wirkt verwirrt und ein bisschen angewidert. Sie hebt die Hand und fährt sich durch das Haar. In dem bisher pechschwarzen Haarschopf sind einige silbrig-graue Strähnen erschienen und Saliénne überlegt, ob es lohnt, etwas dagegen zu tun. Zuerst waren sie ihr gar nicht aufgefallen, erst als jemand sie darauf aufmerksam gemacht hat, hat sie sie bemerkt. Sie betrachtet ihr Gesicht und entdeckt um die Augen ein paar Falten, tief eingegraben, und wundert sich. Auch um den Mund ist ein seltsam anmutender Zug erschienen, streng, fast gemein und sie merkt, wie es sie Mühe kostet, die Mundwinkel zu einem Lächeln zu heben. Mit solchen Alterserscheinungen hatte sie erst in vielen Jahren gerechnet, sie ist definitiv zu jung dafür. Aber hatte ihr Lehrmeister damals sie nicht gewarnt?
„Nimm dich in acht, junges Fräulein, zuviel arkane Energien beschwört man nicht ohne den Preis dafür zu zahlen. Es zehrt an den Menschen und fordert seinen Tribut! Man muss vorsichtig sein!“
Nun, sie war nicht vorsichtig gewesen, hatte alle Furcht und Vorsicht über Bord geworfen, es war wie ein einziger Rausch gewesen, mehr, mehr und immer noch mehr und im Prinzip ging es ihr gut damit. Das Gefühl von Macht hatte wie eine Droge ihre Sinne benebelt und es war so herrlich gewesen, sich dem hinzugeben. Keine ethischen Grenzen, keine moralischen Gesetze, keine uralten Richtlinien der Magierzunft, die sie binden konnten. Bisher war sie der Meinung gewesen, noch nicht über die Grenze gegangen zu sein, aber wenn sie sich so betrachtete, dann war klar, dass sie sich selber belogen hatte.
Saliénne strafft die Schultern und seufzt kurz. Es hat keinen Sinn irgendwelchen Äußerlichkeiten hinterherzutrauern... es wird ohnehin bald vorbei sein.
Saliénne setzt sich auf das Bett und bleibt in ihren Gedanken gefangen. Wie lange ist es her, das sie sich nicht mehr mit anderen Wesen beschäftigt hat, sondern ausschließlich mit sich selber? Monate, auf jeden Fall... oder doch schon ein Jahr? Natürlich, es war notwendig gewesen, alle Brücken abzubrechen und sich jede Chance auf Rückkehr zu nehmen. Vor allem war es nötig gewesen, die anderen zu verletzten und den Abschied zu forcieren. Der Gedanke, dass jemand um sie weinen würde, wenn sie ihren Weg vollendet hätte, war ihr ein Gräuel gewesen. Das, was sie jetzt noch war, war nichts, um das es zu weinen lohnte. Selbstsüchtig und getrieben von Rache... keinen Gedanken an die Mitwesen verschwendend. Saliénne spürt, wie eine kleine Träne ihre Wange hinunterläuft und ärgert sich. Es dauert einen Moment, bis ihr klar wird, dass sie weint, weil ihr Leben so armselig geworden ist. So leer, so ohne all das, was andere Menschen wärmt und ihr Dasein bereichert. Mal wieder kommt ihr Perrendor in den Sinn und sie kann sich sein Entsetzen über eine solche Lebensweise lebhaft vorstellen. Sie weiß genau, was er dazu zu sagen hätte und doch würde er nicht wagen, einen anderen Lebensentwurf zu verurteilen. Weil er gütig ist und klug. Und weg.
Es war nötig, es musste sein. Sie ruft es sich zum wohl tausendsten Mal ins Gedächtnis zurück.
Aber je näher das Ende ist, umso weniger kann sie sich selber davon überzeugen.
Sie nimmt ihr Buch und schreibt:
Bald wird es zu Ende sein.
Vollbracht.
Erledigt.
Es wird das Ende sein...
Es wird nicht nur sein Ende sein. Wenn seine Seele vernichtet ist, dann wird es auch meines sein. Ist das nicht bittere Ironie? Vernichte den Zerstörer und geh selber dabei drauf. Ich fühle keinen Triumph, keine Erleichterung, keine Freude. Nicht mal mehr Hass kann ich fühlen, da ist einfach gar nichts mehr. Ich fühle nur Leere und Eiseskälte.
Was bin ich noch ohne meine Rache?
Ich beginne zu ahnen, dass ich ein Niemand bin. Eine leere Hülle, gefüllt mit unsagbarer Schuld, mit unaussprechlichem Leid, das ich gebracht habe. Ein Gefäß der Macht zwar, aber in bestimmten Momenten glaube ich (wieder?) zu wissen, das das nicht ausreichend ist. Taten, die ich nie wieder ungeschehen machen kann, noch sühnen könnte. Denn zur Sühne gehört Mitleid. Ich kann nicht mal für mich selber Mitleid empfinden. Dem nichtswürdigen Dasein wird ein Ende gemacht. Ich werde es beenden, sobald das andere vorbei ist.
Und siehe, ich scheitere auch bei meiner Rache. So, wie die Dinge liegen, werde ich niemals bekommen, was ich wollte. Ich habe versagt... und trotzdem muss ich den Preis zahlen.
Jetzt, wo es niemanden mehr gibt, der auf mich warte, niemanden, der mich vermissen würde, muss ich gehen. Ohne Sinn kann ich nicht weiterleben.
Ich bin leer.
Es wird enden...
Saliénne liest die geschriebenen Zeilen aufmerksam durch und lacht dann bitter auf. Pathetischer Unsinn! Weinerlicher Mist! Sie reißt die Seite heraus und verbrennt sie im Kamin. Dann wirft sie sich den Mantel über und verlässt ihr Quartier.
„Nimm dich in acht, junges Fräulein, zuviel arkane Energien beschwört man nicht ohne den Preis dafür zu zahlen. Es zehrt an den Menschen und fordert seinen Tribut! Man muss vorsichtig sein!“
Nun, sie war nicht vorsichtig gewesen, hatte alle Furcht und Vorsicht über Bord geworfen, es war wie ein einziger Rausch gewesen, mehr, mehr und immer noch mehr und im Prinzip ging es ihr gut damit. Das Gefühl von Macht hatte wie eine Droge ihre Sinne benebelt und es war so herrlich gewesen, sich dem hinzugeben. Keine ethischen Grenzen, keine moralischen Gesetze, keine uralten Richtlinien der Magierzunft, die sie binden konnten. Bisher war sie der Meinung gewesen, noch nicht über die Grenze gegangen zu sein, aber wenn sie sich so betrachtete, dann war klar, dass sie sich selber belogen hatte.
Saliénne strafft die Schultern und seufzt kurz. Es hat keinen Sinn irgendwelchen Äußerlichkeiten hinterherzutrauern... es wird ohnehin bald vorbei sein.
Saliénne setzt sich auf das Bett und bleibt in ihren Gedanken gefangen. Wie lange ist es her, das sie sich nicht mehr mit anderen Wesen beschäftigt hat, sondern ausschließlich mit sich selber? Monate, auf jeden Fall... oder doch schon ein Jahr? Natürlich, es war notwendig gewesen, alle Brücken abzubrechen und sich jede Chance auf Rückkehr zu nehmen. Vor allem war es nötig gewesen, die anderen zu verletzten und den Abschied zu forcieren. Der Gedanke, dass jemand um sie weinen würde, wenn sie ihren Weg vollendet hätte, war ihr ein Gräuel gewesen. Das, was sie jetzt noch war, war nichts, um das es zu weinen lohnte. Selbstsüchtig und getrieben von Rache... keinen Gedanken an die Mitwesen verschwendend. Saliénne spürt, wie eine kleine Träne ihre Wange hinunterläuft und ärgert sich. Es dauert einen Moment, bis ihr klar wird, dass sie weint, weil ihr Leben so armselig geworden ist. So leer, so ohne all das, was andere Menschen wärmt und ihr Dasein bereichert. Mal wieder kommt ihr Perrendor in den Sinn und sie kann sich sein Entsetzen über eine solche Lebensweise lebhaft vorstellen. Sie weiß genau, was er dazu zu sagen hätte und doch würde er nicht wagen, einen anderen Lebensentwurf zu verurteilen. Weil er gütig ist und klug. Und weg.
Es war nötig, es musste sein. Sie ruft es sich zum wohl tausendsten Mal ins Gedächtnis zurück.
Aber je näher das Ende ist, umso weniger kann sie sich selber davon überzeugen.
Sie nimmt ihr Buch und schreibt:
Bald wird es zu Ende sein.
Vollbracht.
Erledigt.
Es wird das Ende sein...
Es wird nicht nur sein Ende sein. Wenn seine Seele vernichtet ist, dann wird es auch meines sein. Ist das nicht bittere Ironie? Vernichte den Zerstörer und geh selber dabei drauf. Ich fühle keinen Triumph, keine Erleichterung, keine Freude. Nicht mal mehr Hass kann ich fühlen, da ist einfach gar nichts mehr. Ich fühle nur Leere und Eiseskälte.
Was bin ich noch ohne meine Rache?
Ich beginne zu ahnen, dass ich ein Niemand bin. Eine leere Hülle, gefüllt mit unsagbarer Schuld, mit unaussprechlichem Leid, das ich gebracht habe. Ein Gefäß der Macht zwar, aber in bestimmten Momenten glaube ich (wieder?) zu wissen, das das nicht ausreichend ist. Taten, die ich nie wieder ungeschehen machen kann, noch sühnen könnte. Denn zur Sühne gehört Mitleid. Ich kann nicht mal für mich selber Mitleid empfinden. Dem nichtswürdigen Dasein wird ein Ende gemacht. Ich werde es beenden, sobald das andere vorbei ist.
Und siehe, ich scheitere auch bei meiner Rache. So, wie die Dinge liegen, werde ich niemals bekommen, was ich wollte. Ich habe versagt... und trotzdem muss ich den Preis zahlen.
Jetzt, wo es niemanden mehr gibt, der auf mich warte, niemanden, der mich vermissen würde, muss ich gehen. Ohne Sinn kann ich nicht weiterleben.
Ich bin leer.
Es wird enden...
Saliénne liest die geschriebenen Zeilen aufmerksam durch und lacht dann bitter auf. Pathetischer Unsinn! Weinerlicher Mist! Sie reißt die Seite heraus und verbrennt sie im Kamin. Dann wirft sie sich den Mantel über und verlässt ihr Quartier.
Salienne - 23. Feb, 12:26






