Der Staub lichtet sich, das Klingeln in den Ohren bleibt. Für mich ist das Kaltenbach Open Air 2007 vorüber und gemessenen Schrittes wandle ich zum x-ten Mal an diesem hinter mir liegenden Wochenende den verfluchten Berg hinauf, auf dem nicht nur mein Auto parkt, sondern auch die Zelte aller restlichen Death- und Black-Metal-Verrückten. Was verbleibt, sind Erinnerungen an gute, durchschnittliche, schlechte und grottenschlechte Bands. An seltsame Gestalten in VW-Bussen mit Notstromaggregaten und Spanferkelgrillvorrichtungen. An drei Tage, in denen an jeder Ecke Heavy Metal aus den Lautsprechern dröhnt. Und das unterschwellige, aber sichere Wissen, dass drei Tage Lärm und Gestank in der Wildnis für meine Art des Musikgenusses vorerst ausreichend sind.

Der erste Tag besticht mit dem scheinbar hochkarätigeren Line-Up. Ich habe von mindestens fünf der angesagten Bands schon einmal gehört. Ein Blick auf die Running Order des Tages macht vor allem den nicht so geschulten Jüngern der Subkultur recht schnell klar, dass das Kaltenbach Open Air insgesamt eine etwas familiärere Veranstaltung ist.
Für mich persönlich beginnt das Festival eigentlich erst mit Gorerotted. Britische Sauproleten der allerersten Güteklasse. Von dem Moment an, in dem der Sänger das Mikrophon in die Hand nimmt und erklärt „It’s so beautiful being out here in the woods... And now let’s go get fucking drunk!“, kann kein Zweifel mehr an der Partytauglichkeit der Truppe bestehen. Erwähnenswert wäre da vielleicht noch die eine oder andere Songansage, etwa: „This next song is about something I think we all know. It’s about being eaten alive... by spastics. Song’s called Masticated… by… the Spasticated.”
Ein Brite: ein seltsamer Vogel, zwei Briten: ein Club, drei Briten: ein Saufgelage?
Fairerweise kann man den Jungs keine leere Phrasendrescherei vorwerfen. Ihrer Aufforderung zum Umtrunk sind sie selbst als erste nachgekommen, wie einem spätestens klar wird, wenn man den Bassisten am nächsten Tag irgendwo im Dreck pennen sieht. Den halbvollen Becher lauwarmen Bieres freilich immer noch in der Hand. Ich wage die Vermutung, dass die Jungs ihre Gage gleich vor Ort einem wohltätigen Zweck zugeführt haben.
Irgendwann sind schließlich auch der amüsante Falleri- und Fallera-Humtata-Metal von Týr und die avantgardistischen Poesie-Meisterwerke von Dornenreich samt Opernsängerbackup vorüber und Zyklon betreten die Bühne. Endlich. Jetzt weiß ich, warum ich hier bin. Die Burschen liefern eine einwandfreie Show und sorgen dafür, dass zumindest ich einmal richtig munter werde. Gleichzeitig steuern sie auch den ersten Beitrag zu den Top 3 der von mir erhofften, aber nicht gespielten Nummern bei.
Zyklon – An electric Manner
Legion of the Damned spielen anständigen, schnörkellosen Thrash-Metal und fallen in dem Einerlei aus Black- und Death Metal Bands auf wie der bunte Hund. Seltsamerweise werfen sie aber auch mich damit nicht wirklich um. Schade eigentlich. Wieder hektisches Herumgerenne auf der Bühne, Rigs austauschen und Drums verräumen und dann stehen Belphegor auf der Bühne. Erstklassige Proleten-Death Metal aus Salzburg und nebenbei mein persönlicher Spitzenreiter in Sachen schwachsinnig-proletoid-christenfeindliche Songtexte. Irgendwas davon hier wiederzugeben, würde wahrscheinlich gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, darum verweise ich Interessierte an
http://www.darklyrics.com/.
Der intensive Gebrauch breiter Salzburger Mundart in Kombination mit der hochfrequenten Bemühung des Wortes „Fuckers“ (sprich: Fakkaaas) und der Aufforderung zu etwas mehr energischer Bewegung im Publikum verleiht dem Auftritt eine ganz besondere Note. Leider ist das Publikum zu unmotiviert und auch das Zurückspucken giftiger Schimpfwörter seitens der Fans dringt nicht bis zu meinem Platz nach hinten. Getoppt wird das Schauspiel von Belphegor leider nicht durch eine Darbietung des Feuerwerks an Einfalssreichtum, der Hymne „Necrodaemon Terrorsathan“ und somit erklärt sich die Nummer zwei meiner Top 3 an nicht gespielten Nummern ganz von selbst.
Belphegor – Necrodaemon Terrorsathan (live)
Dark Funeral sind die Rausschmeißer des Abends und berühren mich persönlich mit diversen Enthüllungen über Satans Lehrling und die Geheimnisse der Schwarzen Künste trotz ihres großen Namens kein Bisschen. Dann wiederum bin ich aber auch kein besonderer Black Metal-Fan, also hat das vermutlich schon seine Ordnung.

Der zweite Tag fiele prinzipiell stärker nach meinem Geschmack aus. Weniger monotones Hymnengeschrammel, weniger Black Metal. Dafür ungefähr die doppelte Menge an monotonem Gegrunze- im richtigen Umfang mindestens genauso langweilig.
Charisma beweist Sabina Classen von Holy Moses, die zwar überhaupt kein Taktgefühl hat, dafür aber mit ein paar 89er-Jahrgängen im Publikum herumblödelt, samt Einladung auf ihr Hotelzimmer und der Feststellung „Die schaff ich alle fünf!“ Des Weiteren birgt die Erkenntnis, dass das Publikum kollektiv zu dumm für Mitsingspiele ist und die Tonlagen von Peavy Wagner an diesem Abend weder von der Frontfrau des deutschen Thrash Metal-Urgesteins noch von den müden Fans erreicht werden, keine großen Überraschungen mehr.
Kampfar versüßen mir mein Chicken Curry mit etwas mehr „Finde deinen Weg“-Black Metal. Stärkung muss sein, schließlich will man zum Vader-Auftritt gestählt in den vorderen Rängen stehen. Die Erfrischung stimmt, der Preis wird gekonnt übergangen, die vorderen Ränge sind schnell bezogen und Vader... Brauchen siebzig Minuten um ihrerseits den Weg auf die Bühne zu finden. Stellvertretend tanz unterdessen ein einsames Irrlicht auf der Bühne umher. Nein, keine verirrte Fee und auch kein brünftiges Glühwürmchen. Es handelt sich um die Taschenlampe des einzelnen, hemmungslos überforderten Roadies der Band. Sie illustriert herzerwärmend, wie er über die Bühne huscht, nach dem halben Weg kehrt macht, zurücktrippelt, hektisch an Verstärkern herumspielt, den Gitarristen um Hilfe bittet, einen Verstärker austauscht, dazwischen viermal die Richtung wechselt, einmal über sein Schuhband stolpert und mir damit fast ein Magengeschwür beschert. Was lange währt, wird aber doch endlich gut und so betreten Vader die Bühne und geizen nicht mit Präsenz. Peters Stimme lässt sich getrost als bärig bezeichnen und während sich das 35-minütige Set dem Ende zuneigt, reift in meinem Kopf der Gedanke, euch die Top 3 der nicht gespielten Songs des Festivals zu präsentieren. Irgendwo zwischen zwei Blastbeats zerdrücke ich vielleicht eine Träne, weil die Nummer eins doch zu gern live gehört hätte. Vader spielen ihre letzte Nummer und ich mache einen Haken auf meiner Liste, als Peter noch einmal nachsetzt- „Spread your black Wings...“
Vader – Wings